Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser
Von Prof. Dr. Helmut Bachmaier, Wissenschaftlicher Direktor der TERTIANUM-Gruppe Berlingen TG/Zürich Zu einer demokratischen Gesellschaft gehört das Prinzip der Erwartbarkeit, nämlich, dass Bürgerinnen und Bürger wissen, wie staatliche Entscheidungen zukünftig aussehen und wie gesellschaftliche Entwicklungen verlaufen werden, damit sie Vorsorge treffen und planen können. Vertrauen ist eine starke emotionale Bastion, wenn Unübersichtlichkeit und Ungewissheit entstehen infolge chaotischer Verläufe (Georg Simmel). Dann ist Vertrauen ein sicherer Anhalt bei turbulenten Konstellationen. Ausserdem ist Vertrauen ein Mechanismus zur „Reduktion von sozialer Komplexität“ (Niklas Luhmann). Angesichts der Flut von Steuervorschriften kann ich z.B. Komplexität reduzieren, indem der kundige Steuerberater dies für mich erledigt – dabei muss er mein Vertrauen besitzen. Ganz allgemein hat Vertrauen eine Orientierungs- und Filterfunktion. In der arbeitsteiligen Welt ist Vertrauen die Basis für das Funktionieren von Wirtschaft und Technik. Wenn ich mein Auto in die Werkstatt bringe, damit die Bremsen überprüft werden, vertraue ich dem Mechaniker, sonst steige ich nicht mehr in meinen Wagen. Auch die moderne „Multioptionsgesellschaft“ (Peter Gross) bedarf des Vertrauens infolge des Selektionszwangs. Verschiedene Vertrauens-Konzepte setzen die Akzente jeweils anders. Die personale Auffassung aus psychologischer Sicht thematisiert das Ur-Vertrauen als Grundlage für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung und das Selbstvertrauen (z.B. Erikson). Oder der lerntheoretische Ansatz: Vertrauen ist eine Erwartungshaltung gegenüber anderen Personen als Ergebnis von Erfahrungen (z.B. Rotter). Daneben gibt es spieltheoretische Ansätze, die das Vertrauen bei Entscheidungen und Interaktionen untersuchen. Beim Vertrauen dringen wir bei Menschen in eine Schicht vor, die längst vor dem Bewusstsein gelegt wurde und Bestätigung erwartet. Es ist bemerkenswert, dass die Biochemie jetzt dafür sogar ein Hormon entdeckt hat, ein Vertrauenshormon, das Oxytocin. Religiöse Menschen haben Vertrauen auf Gott, sie setzen darauf, dass das Heilsversprechen eingelöst wird: Religion ist Vertrauenssache. Und so ist es auch in anderen Beziehungen, etwa der privaten Partnerschaft. Ohne Vertrauen kann sie nicht bestehen, und Vertrauen hilft oft, Probleme zu lösen. Vertrauen ist ein wichtiges Kapital. Es ist ein soziales Kapital, das nicht in Währungen zu beziffern und zu berechnen ist, trotzdem ist es für jedes Unternehmen mass- und ausschlaggebend. Wo Vertrauen fehlt, bleibt der Erfolg aus. Die gegenwärtige Finanzmarktkrise ist dafür ein schlagender Beweis. Eine Personengruppe ist von dem gegenwärtigen allgemeinen Vertrauensschwund besonders betroffen: die ältere Generation. Im Alter kann man nicht wieder von vorne anfangen, sondern ist auf Kontinuität angewiesen. Dies betrifft nicht nur Rente und Pensionskassen. Ohne Vertrauen ist keine erfolgreiche Arbeit für ältere Menschen möglich. Neben der Fachkompetenz ist Vertrauen die Voraussetzung, dass etwa ältere Personen in eine Residenz oder andere Alterseinrichtung ziehen und ihre Wohnung aufgeben. Vertrauen ist das Bewusstsein, dass der andere ein glaubwürdiger und verlässlicher Partner ist, der mit Kompetenz und Aufrichtigkeit sein Geschäft betreibt. Dieses Bewusstsein muss kontinuierlich gepflegt werden. Vertrauen ist aber auch ein Geschenk, das man erst durch kontinuierliches, einfühlendes und verantwortliches Handeln erhält. Vertrauen kann man erwerben, wenn Wort und Handeln übereinstimmen, wenn Absprachen eingehalten werden und die Person des anderen respektiert und seine Individualität geachtet wird. Vertrauen basiert auf ethischen Grundüberzeugungen. Solche ethischen Grundüberzeugungen bestimmen die Philosophie von Tertianum und vieler anderer Anbieter von Dienstleistungen für ältere Menschen. Dabei muss ein intergenerativer Ansatz verfolgt werden, und deshalb plädieren wir seit Jahren für generationenverträgliche Lösungen in Wirtschaft und Politik. Denn das Vertrauen zwischen den Generationen ist eine wichtige Voraussetzung für sozialen Frieden. Lenins staatstragende Maxime „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ sollte umgedreht werden, da zunehmende Kontrolle und Überwachung die Autonomie jedes Bürgers und jede seiner Tätigkeiten tangieren. Nur auf Vertrauen gründen der Generationenvertrag und eine prosperierende Zukunft unserer Gesellschaft. Deshalb sind vertrauensbildende Massnahmen neben der staatlichen Setzung eines allgemeinen Rahmens für wirtschaftliches Handeln zwingend erforderlich.
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